Messekommunikation wird oft als Sammlung von Maßnahmen gedacht: Standdesign, Giveaways, Social Media, Nachbearbeitung. Was dabei häufig fehlt, ist eine klare Entscheidungslogik:
Was ist wirklich relevant? Wo entsteht Wirkung? Und was lassen wir bewusst weg?
Genau diesen Zugang haben wir im STANDWERT-Workshop an der FH St. Pölten gewählt. Ziel war es nicht, „bessere Messestände“ zu entwerfen, sondern Messekommunikation als strukturierten Entscheidungsprozess erlebbar zu machen – und gleichzeitig die Methodik selbst auf den Prüfstand zu stellen.
Mit 9 Studierenden aus Bachelor- und Masterstudiengängen haben wir drei Stunden lang intensiv an realitätsnahen Aussteller-Cases gearbeitet.


Das Grundprinzip: vom IST über das SOLL zur Priorität
Im Zentrum des Workshops stand die Arbeit mit den STANDWERT-Touchpoint-Karten.
Sie strukturieren Messekommunikation entlang der Besucherreise in drei Phasen:
- vor der Messe
- während der Messe
- nach der Messe
Der Ablauf war bewusst klar und reduziert:
IST-Zustand verstehen Welche Touchpoints sind bereits im Einsatz? Was passiert dabei wirklich aus Besuchersicht?
SOLL-Zustand entwickeln Welche Touchpoints könnten Wirkung entfalten? Wo entstehen neue Verbindungen, wo Brüche?
Priorisieren Was würde man realistisch umsetzen? Welche Maßnahmen haben den größten Hebel – und welche fallen weg?
Gerade dieser letzte Schritt war entscheidend:
Nicht alles, was sinnvoll ist, ist auch relevant. Erst durch Priorisierung wird aus einer Ideensammlung eine Strategie.

Die drei Workshop-Cases
Gearbeitet wurde in drei Kleingruppen, jeweils an einem eigenen, fiktiven Aussteller-Case. Alle drei waren bewusst unterschiedlich angelegt, um verschiedene Herausforderungen sichtbar zu machen.
Case 1: SOLARIX – GreenTech Startup
Ein junges Unternehmen mit modularen Balkon-Solaranlagen.
Technisch stark, aber mit wenig Messeerfahrung.
Herausforderung:
Komplexe Technik verständlich machen, Vertrauen aufbauen und aus Aufmerksamkeit echte Kontakte entwickeln.

Case 2: ALPENWELT – Tourismusregion
Eine bekannte Alpenregion mit schönen Bildern, aber unscharfer Positionierung.
Herausforderung:
Differenzierung in einem gesättigten Markt, emotionale Ansprache und nachhaltige Bindung über die Messe hinaus.

Case 3: CONNECTIVE – B2B-Softwareunternehmen
Ein etabliertes Tech-Unternehmen mit erklärungsbedürftigem Produkt.
Herausforderung:
Nutzen statt Features kommunizieren, Orientierung schaffen und qualifizierte Leads identifizieren.

Arbeiten mit Reibung – bewusst so angelegt
Der Workshop war kein Durcharbeiten eines vorgegebenen Schemas.
Im Gegenteil: Reibung war explizit erwünscht.
Die Gruppen mussten:
- bestehende Touchpoints kritisch hinterfragen
- mindestens einen bestehenden Touchpoint streichen
- neue Maßnahmen begründen
- und sich am Ende auf wenige, priorisierte Schwerpunkte festlegen
Gerade hier wurde deutlich, ob die Methodik trägt:
Wo hilft sie bei Entscheidungen?
Wo entstehen Unsicherheiten?
Wo braucht es mehr Klarheit?
Durch kurze Zwischenpräsentationen konnten alle Gruppen voneinander lernen. Unterschiedliche Denkansätze, Prioritäten und Argumentationslinien wurden sichtbar – und genau das war gewollt.

Ergebnisse: unterschiedlich, aber klar
Am Ende standen drei sehr unterschiedliche Ergebnisposter.
Nicht „perfekt“, aber klar fokussiert.
- Beim Startup lag der Schwerpunkt stark auf Verständlichkeit und Vertrauensaufbau.
- Die Tourismusregion arbeitete intensiv an Positionierung und Erlebnisqualität.
- Das Softwareunternehmen fokussierte sich auf Orientierung, Gesprächseinstieg und Lead-Qualität.
Gemeinsam hatten alle Ergebnisse eines:
Sie waren konkreter, reduzierter und umsetzbarer als zu Beginn – und sie wären ohne den strukturierten Prozess so nicht entstanden.



Eine zentrale Erkenntnis: nicht alles muss digital sein
Ein besonders spannendes Feedback kam direkt von den Studierenden selbst.
Auf die Frage, ob es eine digitale Version der Methodik geben sollte, war die Antwort erstaunlich eindeutig: Nein.
Gerade das physische, haptische Arbeiten mit Karten wurde als zentraler Hebel wahrgenommen.
Nicht als Spielerei, sondern als Denkwerkzeug.
Die Karten lagen sichtbar auf dem Tisch, wurden verschoben, gestrichen, priorisiert. Entscheidungen wurden greifbar – und damit diskutierbar. Eine rein digitale Variante hätte genau diesen Effekt abgeschwächt.

Warum dieses Format funktioniert – in Lehre und Praxis
Der Workshop hat gezeigt, dass sich Messekommunikation sehr gut über strukturierte, haptische Methoden vermitteln lässt.
Nicht durch Erklärung, sondern durch gemeinsames Arbeiten, Diskutieren und Entscheiden.
Für Bildungseinrichtungen bietet das Format:
- Praxisnähe
- aktives Lernen
- und ein realistisches Verständnis für Komplexität
Für Unternehmen:
- Klarheit
- Fokus
- und bessere Entscheidungen vor der nächsten Messe

Fazit
Der Nachmittag an der FH St. Pölten war kein klassischer Workshop – sondern ein Testlauf unter realen Bedingungen.
Für die Methodik.
Für das Format.
Und für die Frage, wie Messekommunikation heute sinnvoll gedacht werden kann.
Nicht als Maßnahmenkatalog.
Sondern als bewusster Entscheidungsprozess entlang der Besucherreise.



