Wie ein Workshop den Messestand des Fahrzeughandels verändert hat.
Ein auffälliges Auto auf einem Messestand funktioniert. Es zieht Aufmerksamkeit auf sich, Jugendliche bleiben stehen, setzen sich hinein und machen Fotos. Genau das war auch beim Messestand der WKO Oberösterreich, Sparte Fahrzeughandel, auf der Jugend & Beruf in Wels über viele Jahre der Fall. Der Stand wurde gut angenommen und hatte kein grundsätzliches Besucherproblem. Offen blieb allerdings die wesentlich wichtigere Frage, ob aus dieser Aufmerksamkeit auch tatsächlich Interesse an einer Lehre im Fahrzeughandel entstand.
Im Mai 2026 haben wir uns deshalb im Rahmen eines STANDWERT-Workshops gemeinsam mit Vertretern der WKO Oberösterreich, der Sparte Fahrzeughandel und einer Berufsschule intensiv mit dem bestehenden Messeauftritt beschäftigt. Unser Ziel war nicht, den Stand einfach neu zu gestalten oder um eine weitere Attraktion zu ergänzen. Wir wollten verstehen, welche Rolle der Stand im Entscheidungsprozess eines Jugendlichen spielen kann und was passieren muss, damit nach einem Messebesuch nicht nur das ausgestellte Fahrzeug, sondern auch der Beruf dahinter in Erinnerung bleibt.
Den bestehenden Stand aus Sicht der Besucher betrachten
Im Workshop haben wir den Messebesuch bewusst aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Wir haben uns angesehen, wie Jugendliche den Stand wahrnehmen, welche Fragen Eltern und Lehrkräfte beschäftigen und was jene brauchen, die später selbst am Stand stehen und Gespräche führen.
Der bestehende Messestand hatte mit dem ausgestellten Fahrzeug einen starken Blickfang. Genau darin haben wir aber auch eine Schwäche erkannt: Das Auto konnte sehr leicht zum eigentlichen Erlebnis werden, während der Beruf selbst im Hintergrund blieb. Ein Jugendlicher konnte sich in das Fahrzeug setzen, ein Foto machen und danach weitergehen, ohne wirklich verstanden zu haben, dass es hier nicht um Werkstatt und Technik, sondern um Ausbildung und Berufsmöglichkeiten im Fahrzeughandel geht.

Damit hat sich im Workshop auch unsere Fragestellung verändert. Wir wollten nicht mehr wissen, wie wir noch mehr Besucher an den Stand bekommen, sondern wie wir aus der bestehenden Aufmerksamkeit möglichst schnell eine echte Interaktion entwickeln. Der Stand sollte einen Anlass schaffen, miteinander ins Gespräch zu kommen und gleichzeitig einen kleinen Ausschnitt des Berufs erlebbar machen.
Vom Anschauen zum Ausprobieren
Aus diesem Denkprozess entstand unter anderem die Idee, Jugendliche selbst verkaufen zu lassen. Auf der Jugend & Beruf 2026 setzen wir diesen Ansatz erstmals um. Die Besucher können sich am Stand ein Modellauto aussuchen und versuchen, dieses in einem kurzen Verkaufsgespräch einem potenziellen Kunden anzubieten. Diese Rolle übernehmen Schülerinnen und Schüler der Berufsschule, die selbst gerade die entsprechende Ausbildung absolvieren.
Damit schaffen wir von Beginn an einen konkreten Gesprächsanlass. Statt über ein abstraktes Berufsbild zu sprechen, müssen die Jugendlichen Fragen stellen, auf ihr Gegenüber eingehen und überlegen, welches Fahrzeug zum jeweiligen Kunden passen könnte. Es geht dabei nicht darum, ein perfektes Verkaufsgespräch zu führen. Viel wichtiger ist, dass die Jugendlichen unmittelbar erleben, welche Fähigkeiten in diesem Beruf gefragt sind und ob ihnen genau diese Form der Kommunikation und Beratung Spaß machen könnte.
Gleichzeitig haben wir auch die Rolle der Berufsschüler stärker in den Mittelpunkt gerückt. Sie sind nicht nur Standbetreuer, sondern echte Gesprächspartner auf Augenhöhe. Nach der kurzen Verkaufssituation können sie direkt aus ihrem Ausbildungsalltag erzählen und Fragen beantworten. Für Jugendliche ist dieser Zugang oft wesentlich greifbarer als eine klassische Information durch Broschüren oder erwachsene Ansprechpartner.
Kleine Veränderungen mit großer Wirkung
Nicht alle Ergebnisse des Workshops bestanden aus neuen Aktionen. Wir haben auch die Anordnung und Nutzung der Standfläche hinterfragt. Gemeinsam haben wir herausgearbeitet, dass die Gesprächs- und Aktionsbereiche stärker in Richtung Gang rücken müssen, damit Besucher früher angesprochen werden und schneller in Kontakt mit dem Team kommen. Das ausgestellte Fahrzeug bleibt weiterhin ein wichtiger Blickfang, steht aber nicht mehr alleine im Mittelpunkt der gesamten Kommunikation.

Gerade solche Veränderungen zeigen für mich, wie stark die Wirkung eines Messestandes von Details abhängt. Es geht nicht nur darum, was auf einer Fläche steht, sondern auch darum, wo Menschen stehen, wie sie auf Besucher zugehen und wie leicht der erste Schritt vom Vorbeigehen zum Gespräch wird. Oft sind es genau diese Punkte, die auf einem Plan oder in einem klassischen Gestaltungskonzept kaum auffallen, in der tatsächlichen Nutzung aber einen großen Unterschied machen.
Auch beim Give-away haben wir im Workshop bewusst die Frage gestellt, wie wir die Verbindung zum Erlebnis am Stand weiterführen können. Nach dem Verkaufsgespräch dürfen die Jugendlichen ihr Modellauto mit nach Hause nehmen und erhalten zusätzlich Informationen zur Ausbildung. Das kleine Auto ist damit nicht nur ein Geschenk, sondern gleichzeitig eine Erinnerung an das Gespräch und an den Beruf. Im Idealfall liegt es später zuhause am Schreibtisch und sorgt dafür, dass das Thema auch nach der Messe noch einmal präsent wird.



Die Idee über die Messe hinaus verlängern
Ein weiterer Schwerpunkt im Workshop war die Frage, wie wir die Kommunikation über die vier Messetage hinaus verlängern können. Schülerinnen und Schüler der Berufsschule dokumentieren deshalb Teile des Messegeschehens selbst und produzieren Inhalte für Social Media. Dadurch entsteht Content, der näher an der Zielgruppe ist und nicht ausschließlich aus der Sicht einer Organisation erzählt wird.

Mit dem Wettbewerb „Sell it like a pro“ haben die Teilnehmer außerdem ein Format entwickelt, das den Fahrzeughandel bis in die Klassenzimmer verlängert. Schulklassen können ein kurzes Video produzieren, in dem sie ein Fahrzeug ihrer Wahl verkaufen. Die Beiträge werden anschließend von einer Jury bewertet und die besten Klassen erhalten einen Preis für ihre Klassenkasse. Damit beschäftigt sich eine Gruppe von Jugendlichen deutlich intensiver mit dem Thema, als es bei einem kurzen Messekontakt möglich wäre.



Solche Ansätze finde ich besonders spannend, weil sie zeigen, dass Messekommunikation nicht an der Hallentüre beginnen und enden muss. Der eigentliche Messestand ist nur ein Teil einer längeren Besucherreise. Wenn wir davor Neugier aufbauen und danach weitere Berührungspunkte schaffen, wird aus einem einmaligen Kontakt ein wesentlich nachhaltigeres Erlebnis.
Vom Workshop in die tatsächliche Umsetzung
Diese Woche konnte ich mir die Umsetzung auf der Jugend & Beruf in Wels selbst ansehen. Für mich war vor allem der Vergleich mit der Situation einige Monate zuvor spannend, als die Ideen noch als Diskussionen, Skizzen und Überlegungen auf dem Tisch lagen. Jetzt wird am Stand tatsächlich verkauft, argumentiert und gelacht. Die Jugendlichen kommen sehr schnell ins Gespräch, und auch die Verantwortlichen vor Ort haben bereits am ersten Messetag sehr positiv darauf reagiert, wie gut die neue Form der Interaktion angenommen wird.
Natürlich werden wir erst nach der Veranstaltung genauer beurteilen können, welche Maßnahmen besonders nachhaltig wirken. Schon jetzt ist aber erkennbar, dass sich der Charakter des Standes verändert hat. Das Auto ist nach wie vor wichtig, aber es ist nicht mehr das alleinige Erlebnis. Der Beruf selbst rückt stärker in den Vordergrund und wird für die Besucher deutlich konkreter.
„Warum sind wir da nicht schon früher draufgekommen?“
Einer der Verantwortlichen hat beim Besuch sinngemäß gesagt: „Warum sind wir da nicht schon früher draufgekommen?“ Genau dieser Satz beschreibt für mich sehr gut, welchen Wert strukturierte Workshops haben können. Es geht nicht immer darum, möglichst spektakuläre oder völlig neue Ideen zu entwickeln. Oft liegt der größere Nutzen darin, bestehende Abläufe und Gewohnheiten gemeinsam zu hinterfragen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und dadurch auf Lösungen zu kommen, die im Nachhinein fast selbstverständlich erscheinen.
Gerade bei Messeauftritten lohnt es sich deshalb, nicht nur über Gestaltung, Mobiliar oder einzelne Attraktionen zu sprechen. Die entscheidendere Frage ist, was ein Besucher tatsächlich erleben soll, welche Interaktion daraus entsteht und was davon nach der Messe noch übrig bleibt. Wenn wir diese Fragen gemeinsam beantworten, werden viele gestalterische und organisatorische Entscheidungen plötzlich wesentlich klarer.



